Die Telli. Vier langgezogene Betonriesen, die wie stille Wächter östlich der Aarauer Altstadt stehen. Viele kennen sie vom Vorbeifahren. Wenige ahnen, wie viel Leben, Geschichten – und manchmal auch Kaffeeduft – sich dort oben in den Korridoren abspielt.
Ich habe kürzlich einen Nachmittag im Teilbetreuten Wohnen (TBW) verbracht. Ein Blick hinter die Kulissen. Ein Besuch bei einer Frau, die dafür sorgt, dass hier Menschen in ihrem Alltag ein Stück Selbstständigkeit finden und dabei nicht den Humor verlieren. Ihr Name: Susi Bolliger. Ihre Rolle: Diplomierte Sozialbegleiterin. Herz, Strukturgeberin und Punktesetzende. Manchmal auch Kaffeewirtin.
Ankunft in den Wolken
Wir fahren in die Tiefgarage. Beton, Neonlicht, eine Prise 70er-Jahre-Charme. Dann Treppen. Ein Lift. Sechster Stock. Oben öffnet sich ein langer Flur mit acht Studiowohnungen.
Allesamt Wohnplätze des Teilbetreuten Wohnens, wo Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ihren Alltag selbstständig meistern, aber in bestimmten Bereichen noch Unterstützung erhalten.
Das Credo: So viel Selbstständigkeit wie möglich. So viel Unterstützung wie nötig.
Im gleichen Flur: Waschküche mit Tumbler, ein Gemeinschaftsbad, ein kleines Büro – Susis Reich. «Hier verbringe ich die meiste Zeit meiner drei Arbeitstage», sagt sie und schmunzelt.
«Und ja, ich bin gern allein. Aber nur so lange, bis die Tür aufgeht.»
Dienstagnachmittag.
Oder: Das Büro wird zum Bienenhaus.
Es ist Lebensmittelgeldauszahlung. Susi Bolliger sitzt am Schreibtisch. Ruhig. Routine in den Fingern. Vor ihr: Umschläge. Hinter der Tür: acht Persönlichkeiten und ihre Budgetstile.
Bei manchen gibt’s Geld wöchentlich.
Bei manchen zweiwöchentlich.
Und bei ganz Finanzbegabten nur monatlich.
Acht Menschen, acht Wege
Die Bewohner*innen lernen hier, noch selbstständiger zu werden. Jede*r mit eigener Geschichte, eigenen Ressourcen, eigenen Herausforderungen.
Susi und vier Kolleginnen, alle in einem Teilpensum tätig, teilen sich die Begleitung der acht Personen. Die Unterstützung geschieht massgeschneidert – von Haushaltsfragen über Arbeits- und Freizeitgestaltung bis hin zu Finanzen und sozialen Kontakten.
«Sie sollen ihren Weg gehen. Ich bin nur Geländer», sagt sie. Ein schönes Bild. Trifft es gut.
Und trotzdem – wenn jemand auszieht, wird das Geländer zu einer Art Allrounderin: helfen beim Packen, Reinigen, Organisieren, beim administrativen Marathon, der jeder Wohnungsabgabe innewohnt. «Es hört nie auf», sagt sie und lacht. «Aber ich mag es ja so.»
Susi Bolliger – die Frau mit Klarheit und Herz
Wenn man Susi beobachtet, fällt etwas sofort auf: Sie arbeitet liebevoll. Aber nicht weichgespült. Herzlich. Und gleichzeitig klar. «Wenn ich etwas sehe, das jemand angehen sollte, dann sag’ ich das auch.» Sie zuckt mit den Schultern. «Bringt ja niemandem etwas, wenn ich’s nicht tue.»
Zwölf Jahre arbeitet sie bereits im Töpferhaus. Dass sie noch da ist, sagt wohl alles.
Team? Top. «Wir sind ein wirklich gutes Team», erzählt sie später. «Altersdurchmischt. Wir ergänzen uns super. Es ist ein Geben und Nehmen.»
Was sie daneben besonders schätzt: Der grosse Gestaltungsspielraum. Der Freiraum, Beziehungen zu gestalten, kreativ zu begleiten, Wege mitzugestalten. Das Teilbetreute Wohnen bietet dafür die Grundlage – mit klaren Strukturen, verlässlichen Abläufen und einer Haltung, die Professionalität und Menschlichkeit verbindet.
Wenn ich den Telli-Flur wieder hinuntergehe …
… denke ich daran, wie viel Leben in diesen langen Häusern steckt. Zwischen Waschmaschinen und Wohnungsnummern. Zwischen Türklopfen und Kaffeeduft. Zwischen Rückzug und Aufbruch.
Susi sagt zum Abschied: «Es ist ein Privileg, Menschen so nah beim selbstständiger Werden zu begleiten.» Und plötzlich wirken die Telli-Blöcke gar nicht mehr so grau. Eher wie grosse, bunte Behälter voller Geschichten.
Man muss nur die richtige Tür finden.
Text: Regine Frey, Leitung Öffentlichkeitsarbeit
